Weltflüchtlingstag

Nachricht 20. Juni 2020

In meinem Büro hängen verschiedene Poster von Kampagnen und Organisationen. Mein Blick fällt auf eines von pro Asyl und ich werde erinnert, dass die UN den 20. Juni zum Weltflüchtlingstag ausgerufen hat. Aus den Daten des UNHCR geht hervor, dass von den 70,8 Millionen Flüchtlingen weltweit 25,9 Millionen Menschen vor Verfolgung, Konflikten oder schweren Menschenrechtsverfolgung ihr Heimatland verlassen. Eine unglaublich große Zahl! Und auch wenn 80% der Flüchtlinge in ihren Nachbarländern unterkommen, also nur sehr wenige nach Europa und Deutschland fliehen müssen, wird auch an der teils zynischen und menschenverachtenden Diskussion um Geflüchtete doch deutlich, Deutschland ist Teil der Welt und vernetzt mit dem Schicksal von Menschen weltweit.

In der Corona-Krise ist die globale Vernetzung in ihrer ganzen Zwiespältigkeit ebenso wahrnehmbar geworden. Wir reisen privat und geschäftlich weltweit, unsere Wirtschaft ist ohne globale Vernetzung kaum mehr denkbar. Und so breitete sich das Virus global aus. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie oder zur Entwicklung eines Impfstoffes nur durch weltweite Vernetzung wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse effektiv möglich.

Globales Reisen, Handeln und Forschen ermöglichen uns Wohlstand und einen relativ angenehmen Lebensstandard. Produkte, Dienstleistungen und Wissen sind schnell verfügbar. Bei all den Gefahren scheinen doch die Vorteile zu überwiegen. Und auch die Erkenntnis dass wir als Menschheit bestimmte Probleme nur gemeinsam lösen werden setz sich durch: bei der Klima-Krise, oder dem Rassismus Problem beispielsweise.

Doch die globale Dimension überfordert uns in ihrer Komplexität, daher nehmen wir häufig nur eine eingeschränkte Perspektive ein. In all den Corona Nachrichten kommen die Flüchtlinge in den griechischen Lagern und auf dem Mittelmeer kaum vor. Und wir fragen auch nicht nach Ihnen. Bei all den Annehmlichkeiten von billigen Lebensmitteln und Konsumgütern interessieren uns die Auswirkungen auf die Lebensumstände in den Herkunftsländern der nötigen Rohstoffe wenig. Dabei ist die Information nur einen Klick entfernt.

Je größer die Vernetzung, je mehr Wissen wir haben, um so mehr steigen auch unsere Handlungsoptionen und -anforderungen und umso schwerer fällt es einen Überblick zu bekommen.

Was also tun? Mir kommt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in den Sinn. Auf die Frage, wer denn der Nächste sei, von dem es heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, antwortet Jesus mit dem Gleichnis vom Menschen der überfallen und dann von „seinen eigenen“ Leuten übersehen wird. Sie haben Wichtigeres zu tun. Der Samariter aber, einer mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, kümmert sich. (Lukas 10, 25-37)

Mein Nächster, meine Nächste ist derjenige, deren Not ich wahrnehme, dessen Würde verletzt wird. Meine Perspektive ist nicht nur gerichtet auf mich, mein Leben und das derjenigen, die ich sowie so im Blick habe. Der oder die Nächste fallen mir auf, wenn ich mit offenen Augen im Alltag unterwegs bin, global, digital, lokal und analog.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Im Gleichnis ist es nicht der barmherzige Samariter, der sich um den Verletzten kümmert, bis dieser wieder vollständig genesen ist. Er bringt ihn in ein Gasthaus und beauftragt den Wirt mit der Pflege. Mein eigenes Verhalten zu verändern, Umwege in Kauf zu nehmen, Menschen und Organisationen in ihrem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu unterstützen - all das ist Nächstenliebe.

Gedenktage gibt es ja mittlerweile inflationär viele, ich übersehen sie oft. Lassen wir uns als Gesellschaft anrühren vom Schicksal unserer Nächsten. Manchmal kann ein Gedenktag ein guter Anstoß dazu sein.

Film-Tipp

"Wir schicken ein Schiff" - eine Dokumentation über die SeaWatch 4, ein Schiff, dass zusammen mit dem Bündnis United4Rescue und der EKD gekauft wurde um im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten.

Noch in der Mediathek der ARD: >> hier